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Lagebesprech Gespräche in der Mittwochsrunde

08.06.16, 15:17:51

Lagebesprech vom 08.06.2016 über Psychiatrie und sogenannte psychische Krankheiten


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Mit unserem Gast Thomas Lindlmair nahm sich unsere Mittwochsrunde einem heiklen Thema an, der Psychiatrie in Deutschland und ihrer Opfer. Anlass war die Verleihung des marburger Leuchtfeuers für soziale Bürgerrechte vor einer Woche an Lutz Götzfried, der in Marburg Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen einige Arbeitsplätze geschaffen hat. Thomas Lindlmair verfolgt in Bayern nach dem Fall Gustl Mollat genau die Entwicklungen in der sogenannten Hadertauer-Affäre und berichtete uns auch darüber.

Lagebesprech
Kommentare (6)



RSS Kommentare

  • B.B.
    June 09, 2016, 23:15
    Hallo zusammen,
    ich habe diese Folge heute nach gehört und ich bin etwas erschrocken.
    Ich bin selbst Patient in dieser Sache und war selbst 4 Wochen auf einer Akut Station (Teil geschlossen) in Marienheide und direkt danach 3 Monate auf einer Therapie Station (offen) im Krankenhaus Gummersbach. Meine eigene Erfahrung ist ganz anders als das was ich heute in diesem Podcast gehört habe. Ich habe auch selbst .... kaum die genannten Grausamkeiten mit bekommen. Kaum, weil ich ein oder zwei dinge schon gesehen habe, aber einmalig und das innerhalb von 4 Monaten!

    Einmal wurde ein Mensch fixiert weil er sich im Badezimmer das Leben nehmen wollte und beim eingreifen der Pfleger hatte er angefangen zu schlagen.
    Ich habe einem Menschen gesehen der fliehen wollte, das sogar schafte und dann hinter einen Supermarkt bewusstlos gefunden wurde (3std nach der Flucht) mit Verletzungen an der Pulsader. In meinen 4 Monaten hat dieser Mensch das gleiche Spiel 3 mal gespielt! Sonst war der Mensch sehr nett, ich habe mich gut und oft mit ihm unterhalten.
    Ich habe einen Menschen gesehen der zwar gegen seinen willen da waren, aber sofort am nächsten Morgen entlassen worden ist.

    Sonst war mein Aufenthalt ganz anders. In den ersten 14 Tagen bin ich immer wieder gefragt worden was ich von meinen Medikamenten erwarte! Darauf hin habe ich Medikamente empfohlen bekommen. 1 passte sofort, ein weiteres musste ersetzt werden (wegen unverträglichkeit) und ich habe ein anderes bekommen. In der Hauseigenen Bibliothek lag auch das Buch "Rote Liste" aus, so das ich nach sehen konnte ob meine Dosen Ok sind.

    Ich wurde in einzel Gesprächen mit meinem "vertrauenspfleger"(Das hieß anders, ich weis aber nicht mehr wie) zum Fachmann meiner eigenen Krankheit gemacht. So das ich verstehen konnte was mit mir passiert. Die mittel wie ich mir helfen kann in akuten Situationen wurden dann in einzel und Gruppen Sitzungen erarbeitet.
    Jederzeit, okey nur zwischen 8 und 17 uhr, hätte ich Zugriff auf einen Sozialarbeiter gehabt.
    Kurz vor meiner Entlassung wurde mit mir über weitere an laufen stellen gesprochen(Selbsthilfe gruppen und Fachberatungsstellen).
    Nur bei der weiteren Therapeuten suche konnte mir nicht geholfen werden, weil 1 von 100 Therapeuten noch einen freien platz hat.

    Natürlich möchte ich die im Podcast angesprochenen Grausamkeiten nicht leugnen. Das gibt es alles. So wie es aber besprochen wurde, so Konzentriert, das hat mich umgehauen. Weil ich das genaue gegenteil erlebt habe.

    Sonst höre ich diesen Podcast sehr gerne. Ich finde ihn Klasse.

    Mit freundlichen Grüßen
    B.B. (Ich möchte anonym bleiben, danke.)

  • Jens Bertrams
    June 10, 2016, 12:45
    Sehr geehrter B.B.

    vielen herzlichen Dank für Ihren Kommentar und für Ihre ausführliche Beschreibung. Ich finde diesen Kommentar so wichtig, dass ich Teile daraus auflesen und anonym im nächsten Podcast verlesen werde.

    Auch ich habe - allerdings nicht als Betroffener - positive Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht, und ich habe einen Fall berichtet, in der die Person nach wenigen Tagen dankbar für ihre Einweisung war. Nichts ist schwarz-weiß. Da sich Franz-josef Hanke und die humanistische Union mit diesen Problemen intensiv auseinandersetzen, denke ich, dass beides stimmt. Es gibt selbstverständlich Ärzte und auch ganze Einrichtungen, die ihre Arbeit sehr gut machen und vielen Menschen helfen. Vermutlich sind dies aber auch Einrichtungen, die als Vorbild für die anderen dienen könnten. Es muss sie ja geben, seit den siebziger Jahren wird ja engagiert darum gerungen. Es gibt aber eben auch noch andere, und die muss man hin und wieder an die Öffentlichkeit bringen. Ich finde es gut, dass Sie uns von Ihren positiven Erfahrungen berichten, um auch mal andere Meinungen zu hören.

    Vielen herzlichen Dank, auch für das Lob an unseren Podcast.

    Jens Bertrams

  • Lutz Götzfried
    June 12, 2016, 20:42
    Zur "Lagebesprechung vom 08.06.2016 über Psychiatrie und sogenannte psychische Krankheiten"
    Mit Interesse habe ich die Diskussion verfolgt und möchte, zumal meine Leuchtfeuer-Verleihung der Auslöser war, das Titel-Thema einmal wieder zu diskutieren, ein Statement dazu abgeben.

    Nur ein Statement deshalb, weil ich dieses Thema für so vielschichtig halte, dass man, sobald man eine kritische Position vertritt, man sich auf ein gefährliches Glatteis der Projektionen und der Verallgemeinerung äußerst unterschiedlicher Wahrheiten begibt. Die Psychiatrie hat Macht über Menschen, die wie auch immer in Ihre Hände geraten, diese Macht kann missbraucht werden, der Missbrauch wiederum kann sehr unterschiedlich motiviert sein, aber es wird auch durchaus verantwortungsbewusst damit umgegangen, wie es die Kommentare zeigen und dann ist die Psychiatrie durchaus hilfreich und oft Rettung in höchster Not.

    Ebenso ist es mit der psychischen Erkrankung. Ein helfendes freundschaftliches Gespräch kann einen Psychiatrieaufenthalt vermeiden, aber psychische Erkrankungen können so viel Eigendynamik entwickeln, dass auch keine noch so vielen Gespräche der oder dem Erkrankten helfen - zumal eine akute Erkrankung und deren Eigendynamik eine zwischenmenschliche Kommunikation oft unmöglich macht.

    Was allerdings für sehr problematisch halte, ist der Einfluss der Kostenträger der Krankenhäuser, der sein Verwaltungsdenken sowohl den Psychiatrien als auch den Nachsorgeeinrichtungen aufzwingt. Die Gesprächsorientierung wird seit den 80er Jahren zurückgefahren und die Medikamentöse Behandlung favorisiert. Dafür sorgt die Lobby der Pharmakonzerne und der immer verantwortungsloser betriebene Personalabbau.

    Beides bewirkt, dass Patienten nicht mehr verstanden werden können sondern nur noch medikamentös dosiert und verwaltet werden müssen. Das wiederum führt zu der beklagten Arroganz von Leitungspersonen, die bis in die unteren Berufsgruppen weitergereicht werden. Eine verständnisvolle Psychiatrie ist deshalb immer weniger möglich - was nicht heißt, dass es die gar nicht mehr gibt, aber dass Verständnis immer weniger auf der Beziehungsebene möglich ist sondern nur noch in Form von freundlichen Worten. Freundliche Worte und Medikamente mögen manchmal genügen, oft aber auch dann nicht längerfristig.

    Wie soll man aber das kontrollieren und vor Allem, wer soll es kontrollieren? Meiner Ansicht nach muss die Hilfe von der Politik her kommen und die Kostenträger bei ihren Lobby- und Machteinflüssen bremsen und menschlichere Vorgaben machen und für die einzelnen Patienten müssen Freunde und Familienangehörige ihre Beziehungen aufrecht erhalten und sich mit dem Thema Psychiatrie kritisch auseinandersetzen.

    Aber längst ist dazu noch nicht alles gesagt.
    Lutz Götzfried

  • B.B.
    June 16, 2016, 01:13
    Lieber Herr Lutz Götzfried,

    mein Beitrag sollte in keinster weise ein Angriff auf ihre arbeit/Gruppe sein. Ich leugne auch nicht die Grausamkeiten die beschrieben worden sind.
    Ich habe sie nur nicht so konzentriert wahrgenommen, in 4 Monaten, wie sie in 30 Minuten zusammen gefasst worden sind. Als DAK Kassenpatient, habe ich in diesen 4 Monaten keinen gehört der mir so Konzentriert diese dinge erzählen konnte. Natürlich hatte jeder die eine oder andere Story auf lager. Natürlich hat man auch je nach Position die eine oder andere Meinung zu Fixierungen oder anderen dingen.

    Aus meiner Sicht, als Patient, der in einer Teil geschlossenen Station war, hatte ich nie das Gefühl von Willkür! Das mag daran liegen das NRW anders ist, oder vielleicht sogar nur der Kreis Oberberg. Was auch Immer. Ich würde jeden der in dieser Richtung Probleme hat, mit bestem gewissen, dazu raten sich ärztliche Hilfe zu suchen. Jetzt aber mit der Einschränkung das er in meiner Gegend wohnt und meine besuchten Kliniken erreichbar sind.

    Das Thema "Ein helfendes freundschaftliches Gespräch kann einen Psychiatrieaufenthalt vermeiden, ...." empfinde ich als schwierig. Als Betroffener hatte ich einige Kontakte und solche Gespräche die aufbauend sein sollten. Ich hatte durch weg das Gefühl das gesunde Menschen Raketen gleich ihr Leben durchleben und ich irgendwo tief im Sumpf nur nach oben schauen kann. Wenn dann so ein "Gesunder" nach einem Gespräch gesagt hatte "Kopf hoch das wird schon...", "Hau rein!" oder "Das wird schon!" .... war jedes Wort davor vergebens. Ich bin mir nicht sicher ob ungeschulte Menschen in der Lage sind ein Gewinn bringendes Gespräch zu führen und das dann auch zum ende zu bringen.

    Und zu guter letzt, ich möchte eigentlich auch gar nicht das Menschen aus meiner Umgebung die selbst voller ängste, sorgen und Nöte sind, mich psychisch aufbauen. Ich möchte nicht das die allein erziehende mutter mir mut zum leben macht und am nächsten tag selbst nicht weis woher das Geld für Sportschuhe für den kleinen kommen soll. Diese Frau gab es in meinem Leben.
    Ich möchte nicht das der Ausgebildete Koch der Gerade eine Familie gegründet hatte mir gut zu reden soll, während er angst hat das er die nächste rate für das Auto nicht zahlen kann. Diesen Meschen gibt es in meinem Leben.
    Ich möchte auch nicht das mein Vater, der zum Glück noch lebt, mit der Diagnose Rheuma verzweifelt nach Fachärzten sucht und sich gerade selber zum Mediziner ausbildet damit er die Hilfe bekommt die er braucht, auch noch Mut zum leben machen muss. Das ist mein Vater und er lebt noch, zum Glück.

    Ja, die Politik hat hier noch ein breites Feld wo vorher keiner grasen war. es wird auch zeit das man sich diesem Thema annimmt. Es gibt dort missbrauch ohne ende, bestimmt. Aber ich habe das alles nicht erlebt und habe menschen getroffen die mir echt helfen wollten und auch geholfen haben.

    Die Konzentration des grausamen, das war der Grund warum ich geschrieben habe.

    Mit freundlichen Grüßen
    B.B.

  • Lutz Götzfried
    June 22, 2016, 00:29
    Lieber B.B.,
    es war mein Anliegen, die Psychiatrie und ihre problematische Entwicklung als Institution nicht auf die Menschen, die in ihr arbeiten zu übertragen. Insofern bin ich eigentlich ganz auf Ihrer Seite und finde richtig was Sie schreiben.

    Der Fall Gustl Mollath ist ein Beispiel dafür, dass "psychisch krank" und "psychisch gesund" eben nicht anhand von Symptomdeuterei oder chemischen Analysen entschieden werden kann, sondern dazu gehört eben auch, den Anderen in seinem Erleben verstehen zu können. Hat man z.B. verstanden, weshalb jemand sich das Kissen über den Kopf zieht und nicht aufstehen will, weil sich die Bilder um ihn herum vielleicht bewegen oder sprechen, ist man schon mal so weit, dass man sagen kann: "Ja, ginge es mir so, würde ich mich vielleicht auch so schützen." Und versteht man vielleicht, dass die Bilder deshalb sprechen, weil der oder die Betreffende eingesperrt wurde, weil er oder sie für verrückt gehalten wird und die Empörung darüber nicht zeigen darf, weil dies die Diagnose "Psychisch krank" nur noch bestätigen würde, dann wird einem auch schnell klar, dass ein Medikament schon beruhigen kann, aber dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht, als dich chemischen Prozesse in diesem Menschen zu korrigieren oder ändern.

    Also ich denke, lieber B.B., dass wir da nicht so unterschiedlich denken.
    Mit freundlichem Gruß,
    Lutz Götzfried

  • B.B.
    June 23, 2016, 01:44
    Lieber Herr Lutz Götzfried,
    ja da bin ich ganz an ihrer Seite.

    Mit freundlichen Grüßen
    B.B.

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